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Freitag, 12. März 2010

Die Wirtschaftselite inkognito

Katharina Münk,
Die Insassen
Wahnwitzig und durchgeknallt: Börsengang auf Station 4
215 Seiten, EUR 14,30


Als Dr. Wilhelm Löhring, seines Zeichens ein mehr als geachteter und im internationalen Wirtschaftsleben hochgeschätzter Geschäftsmann, an jenem Morgen sein Büro aufsucht, erlebt er eine unangenehme Überraschung. Wo sonst sein üblicher Kaffee stand befand sich etwas, das ihm mehr Angst machte als die Aktienmärkte und deren aktuelle Krise: Nichts.

Es anfänglich noch für eine Unfähigkeit seiner Sekräterin haltend stellt er rasch fest, dass man in der Firma gegen ihn geputscht hat. Ehemalige Kollegen hatten seinen wohlverdienten Platz an der Spitze des Unternehmens eingenommen und selbst die eigenen Mitarbeiter scheinen sich seinen Widersachern angeschlossen zu haben.

Doch er würde es ihnen heimzahlen! In einem genialen taktischen Schachzug bringt er die Nervenklink St. Ägidius in seinen Besitz und verlegt sein Büro prompt in dessen nobelsten Flügel und beginnt (erfolgreich) damit seinen ehrgeizigen Plan in die Tat umzusetzen: Einen Börsengang. Die Sache hat allerdings einen Haken: Dr. Löhring ist nur ein Patient unter vielen.

Der ganz normale Wahnsinn

Auf humorvolle Weise beschreibt Katharina Münk in “Die Insassen” die Denk- und Handlungsweise der Wirtschaftselite. Trotz Krise und selbst unter den widrigsten Umständen gibt der vermeintliche “Held” sich niemals geschlagen und bleibt fest davon überzeugt sein hoch gestecktes Ziel erreichen zu können – was ihm erstaunlich gut zu gelingen scheint. Wo die Kontrollmechanismen unserer Zeit und die für den laienhaften Betrachter gut installierten Sicherheitsnetze der freien Marktwirtschaft greifen müssten kennt man sich – sehr zum Nachteil der Allgemeinheit.

Gerade denjenigen, die verstehen möchten wie es etwa zu den Zwischenfällen rund um den Milliarden-Betrüger Bernhard Maddoff kommen konnte sei dieses Buch ans Herz gelegt!
Buchdaten


(Daniel Scepka)

Sonntag, 22. November 2009

Aktuell aus der Antike: Niedergang eines Imperiums


Robert Harris
Titan
Heyne, 544 Seiten, EUR 22,60

Robert Harris führt uns diesmal ins Jahr 63 v.d.Z. zurück. Cicero, der große Rhetor und erfolgreiche Anwalt, ist endlich Konsul und damit der wichtigste Mann in der niedergehenden Römischen Republik. Während er mit allen Mitteln eben diese verteidigen will, kommt aus den Reihen des Senats selbst mehr oder minder unverhohlener Widerstand.
Catilina macht aus seiner Machtgier kein Hehl - viel gefährlicher aber ist Caesar, der im Hintergrund agiert und ein wahrer Meister der Intrige ist. Jedoch - auch dem prinzipientreuen Cicero sind Manipulationen bei Abstimmungen im Senat ebenso wenig fremd wie die Verwendung gefälschter Beweismittel, wenn es um die Durchsetzung seiner politischen Ziele geht.
Harris zeichnet ein plastisches Bild einer im Niedergang befindlichen Weltmacht. Die herrschende Klasse zerfällt in sich befehdende Fraktionen, die Bandbreite ihrer Optionen reicht von der Bewahrung der republikanischen Formen hin zu unterschiedlich ausgeprägten Formen der Diktatur. Römische Playboys verwandeln sich in blutgierige Populisten und mobilisieren die städtischen Lumpen und ausgemusterte Soldaten, die Rom terrorisieren und den Senat von der Straße her unter Druck setzen.
Bloß ein historischer Roman? Vieles liest sich wie eine Darstellung der heutigen "postdemokratischen" Gesellschaften und ihrer politischen und sittlichen Degenerationen. Harris schöpft aus seinen fundierten Geschichtsstudien in Cambridge ebenso wie aus seiner journalistischen Erfahrung mit den politischen Eliten. Nebenbei: Ein ideales Geschenk für alle, die zwangsläufig Latein lernen müssen - hier bekommen sie zur klassischen "Rede gegen Catilina" das solide historische Unterfutter nachgereicht!
(Kurt Lhotzky)


Sonntag, 23. August 2009

Ein Roman, bei dem es einem die Sprache verschlägt


Sebastian Barry
Ein verborgenes Leben
Steidl-Verlag, 392 Seiten, cca EUR 20,60


Ganz, ganz selten liest man einen Roman, bei dem es einem die Sprache verschlägt. Einen Roman, der einen in seinen Bann zieht, in dem Sprache und Inhalt eine vollkommene Synthese eingehen. Einen Roman, bei dem einem das Beiwort "groß" zu trivial, "schön" oder "ergreifend" zu abgeschmackt erscheint.
Sebastian Barry hat mit "Ein verborgenes Leben" einen solchen Roman geschrieben. Zwei Handlungsebenen durchdringen einander, sind miteinander auf erstaunliche Weise verwoben.
Da sind auf der einen Seite die geheim in einer "Irrenanstalt" in Roscommon zu Papier gebrachten Erinnerungen der hundertjährigen Roseanne McNulty.
Der einschneidende Bruch in ihrem Leben passiert 1922, während des irischen Bürgerkriegs. Soldaten des Freistaats (also der Regierung, welche die Abtrennung Nordirlands und die Oberhoheit des britischen Empire anerkennt und von ihren einstigen republikanischen Kampfgefährten als Verräter bekämpft wird) erschießen in den Hügeln bei Sligo einen jungen IRA-Rebellen. Die Republikaner bringen ihren gefallenen Kameraden zum Friedhof von Sligo, damit er heimlich begraben werden kann. Der Friedhofswärter (ein Presbyterianer) schickt seine halbwüchsige Tochter Roseanne nach dem katholischen Priester, Father Gaunt. Der weigert sich zunächst, die Leiche einzusegnen, denn die katholischen Bischöfe haben sich auf die Seite der Regierung geschlagen und bedrohen die Rebellen mit der Exkommunizierung. Da platzen Freistaatler in das Haus des Friedhoswärters und nehmen nach einer Schießerei die IRA-Männer fest. An Roseanne und ihrem Vater klebt fortan der Vorwurf des Verrats - wie sonst hätten die Soldaten die jungen Rebellen finden sollen? Und, schlimmer noch: Die jungen Patrioten werden hingerichtet - bis auf einen, der rechtzeitig fliehen kann.
Father Gaunt spielt ab diesem Zwischenfall eine zwielichtige und bedrohliche Rolle im Leben Roseannes und ihrer Familie. Ihr Vater verliert seine Arbeit, wird zum Rattenfänger von Sligo degradiert, die Mutter verfällt langsam dem Wahnsinn.
Nach dem Selbstmord des geliebten Vaters kümmert sich die 16jährige Roseanne um ihre Mutter, die das Haus nicht mehr verlässt. Mit ihrem kargen Lohn als Bedienung im Cairo Café erhält sie sich und die Mutter am Leben. Im Café lernt sie auch ihren künftigen Mann kennen, Tom McNulty, Sproß einer angesehenen katholischen Familie. Eisige Ablehnung findet Roseanne bei ihrer künftigen Schwiegermutter: Eine Protestantin, und sei sie auch Presbyterianerin, ist eine Schande im Haus der McNultys.
Tom ehelicht sie trotz des Widerstandes der Mutter, immer wichtiger werden ihm aber seine politischen Ambitionen - vom glühenden Freistaatler mausert er sich zum Faschisten (in Irland gab es unter Eoin O'Duffy mit seinen "Blauhemden" eine echte autochtone faschistische Bewegung), der seinem "Führer" sogar nach Spanien folgt, um an der Seite der Franco-Putschisten zu kämpfen.
Aufgrund einer besonders fiesen Intrige, in die natürlich wieder Father Gault verwickelt ist, zerbricht Roseannes Leben endgültig. Selbst als sie, von den McNultys verstoßen, "außerehlich" schwanger wird und diese verzweifelt um Hilfe bei der Geburt anfleht, rühren diese keinen Finger, um der verzweifelten junge Frau zu helfen.
Als wahnsinnige Kindsmörderin wird sie in die Irrenanstalt gesteckt.
Der zweite Strang des Romans sind die Aufzeichnungen Dr. Grenes, des Leiters der Anstalt in Roscommon, den kurz vor Erreichung des Pensionsalters ein unerwarteter Bescheid des Gesundheitsministeriums trifft: Jahrzehntelang hat er sich darum bemüht, die alte, verrottete, durchfeuchtete Irrenanstalt aus dem frühen 19. Jahrhundert in Stand setzen zu lassen - und plötzlich erhält er die Mitteilung aus Dublin, dass die Anstalt abgerissen und durch eine moderne, allen medizinischen und hygienischen Standards entsprechende, Klinik ersetzt werden soll.
Allerdings müssen vorher Dutzende Insassen "in die Freiheit" entlassen werden - denn es ist ein offenes Geheimnis, dass viele der alten Patientinnen und Patienten von ihren Angehörigen oder Lokalpolitikern in die Anstalt gesteckt wurden, um sie loszuwerden, und nicht, weil sie wirklich psychisch krank waren.
Roseanne McNultys "Fall" entwickelt sich langsam zu einer Obsession für den Arzt, der in genau dieser kritischen Phase einen weiteren schweren Schicksalsschlag - den Tod seiner Frau - hinnehmen muss.

Ich will jetzt nicht mehr von der Geschichte vorwegnehmen - sie ist es mehr als wert, gelesen zu werden. Meiner Meinung nach hat Sebastian Barry für diesen Roman völlig zu recht den Irish Book Award 2009 für den besten irischen Roman erhalten.
Besonders hervorgehoben sei die Übersetzung von Hans-Cristian Oeser, die mit großer Sensibilität die sprachliche Schönheit des Originals ins Deutsche transponiert hat.

Barrys Roman zeigt auf beeindruckende Weise, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hinein wirkt. Zugleich ein großartiges literarisches Zeugnis für die verhängnisvolle Auswirkung des klerikalen Einflusses auf die irische Gesellschaft im 20. Jahrhundert.
(Kurt Lhotzky)

Freitag, 7. August 2009

"Wie Himberen schmeckt ihm das Töten"...


Robert Littell
Das Stalin-Epigramm
Arche, Preis: ca. 23,-- EUR


Robert Littell ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten lebenden Thriller-Autoren, ein legitimer Nachfolger Eric Amblers, John LeCarrés und Ross Thomas. Seine Kenntnis der "russischen Frage" mäandriert durch sein Gesamtwerk. Mit "Das Stalin-Epigramm" hat Littell einen Roman geschrieben, in dem es um monströse Verrbechen, um Schuld ohne Sühne, um Verrat und Liebe geht, und der dennoch kein Thriller ist. Vielmehr hat Littell ein Atom aus dem Kosmos des stalinistischen Terrors herausgegriffen und formal und inhaltlich brillant beleuchtet: Das Schicksal des Dichters Ossip Mandelstam, der mit seinem "Stalin-Epigramm" der Geschichte ins Rad greifen will und grausam für seinen (Über)Mut büssen muss.

Reale und erfundene Personen vermengen sich ebenso wie Realität und Halluzination des geschundenen Dichters Mandelstam. Ist das (fiktionale) Treffen mit Stalin (erfundene) Wirklichkeit oder die fiebrige Phantasie eines Gefolterten? Frauen und Freunde aus dem Leben des Poeten - die Achmatowa, Nadjeschda Mandelstam, Boris Pasternak - kommen ebenso zu Wort wie ein naiver analphabetischer Gewichtheber und Zirkusartist oder der Leibwächter Stalins.

Beeindruckend die Beschreibung des berüchtigten Empfangs in der Villa Maxim Gorkis 1934, bei dem Stalin die Richtlinien für den "sozialistischen Realismus" verkündet - und die Vernichtung eines vorlauten jungen Schriftstellers anordnet, der Fragen zur Hungersnot in der Ukraine stellt. Erschütternd die Konfrontationen zwischen Mandelstam und dem zuständigen Vernehmungsleiter des NKWD, Christophorowitsch - einem intellektuellen Vollstrecker des Willens der Partei, dem diese Arbeit aber auch wirklich Freude bereitet.

Es ist offenkundig, dass Robert Littell mit diesem Roman das Buch geschrieben hat, welches er immer schreiben wollte - ein "Herzblutbuch", wie Klaus Wagenbach sagen würde. Ich kann diesem beeindruckenden Werk nur viele Leserinnen und Leser wünschen.

P.S.: Und hier das "Stalin-Epigramm":

Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,
Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört,
Doch wo wir noch Sprechen vernehmen, –
Betrifft's den Gebirgler im Kreml.
Seine Finger sind dick und, wie Würmer, so fett,
Und Zentnergewichte wiegts Wort, das er fällt,
Sein Schnauzbart lacht Fühler von Schaben,
Der Stiefelschaft glänzt so erhaben.
Schmalnackige Führerbrut geht bei ihm um,
Mit dienstbaren Halbmenschen spielt er herum,
Die pfeifen, miaun oder jammern.
Er allein schlägt den Takt mit dem Hammer.

Befehle zertrampeln mit Hufeisenschlag:
In den Leib, in die Stirn, in die Augen, – ins Grab.
Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten –
Und breit schwillt die Brust des Osseten.
(Kurt Lhotzky)